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Der Landarzt

21.09.2018

Telly Savalles erinnert mich an unseren Hausarzt. Er war einfach phantastisch: Dr. Hugo Fraikin. Alleine schon, wie er seinen Weg in unseren Ort fand, ist typisch für seine Lebens-Art. In der Aachener Zeitung, die früher einmal die Eifeler Volkszeitung war, vom 7. März 2013 war zu lesen:

„Der erste Arzt, der in Lammersdorf eine Praxis eröffnete, war der aus Heimbach stammende Dr. Hugo Fraikin. Er eröffnete im Mai 1947 in der damaligen Hauptstraße im Haus der Witwe Maria Johnen eine Praxis. Für das Dorf war dies ein Quantensprung, da die Patienten nicht mehr nach Roetgen oder Simmerath fahren mussten. Dass Dr. Fraikin nach Lammersdorf kam, war im übrigen purer Zufall. Nachdem er sich offensichtlich im Simmerather Krankenhaus um eine Anstellung bemüht hatte, war er in der Gaststätte „Schröders Eck“ zu einem Bier eingekehrt, wo er Bekanntschaft mit einem Lammersdorfer Bürger (Ludwig Förster) machte. Förster erkannte die Situation nicht nur, sondern ergriff sie beim Schopfe und chauffierte Dr. Fraikin spontan zum Kennenlernen des Ortes nach Lammersdorf. Dies muss Eindruck gemacht haben, denn der Arzt ließ sich dort nieder.“

Und am 21. Januar 2009 schrieb die Aachener Zeitung: „Die Farben Blau und Rot dominieren in dieser Session den Lammersdorfer Karneval, denn die Prinzengarde der Karnevalsfreunde feiert in diesem Jahr ihr 55-jähriges Jubiläum. 1954 wurde sie von Hofmarschall Karl Schiffer unter dem Präsidenten Alois Mertens ins Leben gerufen. Die Garde wurde vom verstorbenen Dr. Hugo Fraikin, der bis zu seinem Tod Ehrenkommandant war, besonders gefördert.“

Hugo Fraikin liebte sein Lammersdorf. Und wir und wohl alle Lammersdorfer Familien liebten ihn. Ich sowieso. Denn er mich ja, wie bereits im Kapitel über meine Geburt dargelegt, trotz gerissener Nabelschnur lebend auf diese Welt gebracht. Dr. Fraikin wurde durch seine Art und Weise, wie er uns begegnete zu einer Art Familienmitglied. Wir hatten das Gefühl, von ihm beschützt zu sein. Ihm vertrauten alle Familien ihre Jüngsten bis hin zu den ältesten Familienmitgliedern an. Wir wurden mit „Hugo“ erwachsen und auch alt. Er betrachtete uns als Individuum. Mal trieb er uns an, mal nahm er uns die unnötigen Sorgen. Er half die Hürden selbst schwerer Krankheiten zu meistern, weil er uns ermutigte und Geduld mit uns hatte. Auf ihn konnten wir uns verlassen.

Er machte natürlich auch Hausbesuche und kam zu uns ins Forsthaus. So mussten wir mit starken Schmerzen und hohem Fieber nicht in einem völlig überfüllten Wartezimmer eines ärztlichen Versorgungszentrums ausharren, bis der Arzt kommt.

Und wenn er kam, wurde es interessant. Sei es, dass der große kräftige Mann mit der Glatze mich unter dem Bett hervorzog, wo ich mich vor lauter Angst vor einer Spritze versteckt hatte. Oder sei es, weil ich seine Anamnese nicht verstand. Mich plagten unter anderem wohl heftiges Bauchweh, als er auf meinem Bett saß, mich abfühlte und fragte: „Hast Du Flatulenzen?“ Ich schaute ihn fragend an. Er übersetzte in die Kindersprache: „Gehen die Winde?“ Auch diese Frage erschloss sich mir nicht und ich zuckte mit den Schultern. Dann schaute er mich schelmisch an und fragte: „Kannst Du furzen?“ Freudestrahlend rief ich „Ja!“ und wie zur Bestätigung ließ ich einen lautstarken fahren. Zufrieden nickte der Arzt meiner besorgten Mutter zu, empfahl diesen Tee und jenes Hausmittel und prognostizierte, dass ich in wenigen Tagen wieder durch die Wälder streifen würde. Und so kam es dann auch.

Wildunfälle, zu denen unserer Vater hinzugerufen wurde, gab es natürlich immer wieder. Ein Wildunfall, in den Dr. Fraikin verwickelt war, dürfte so einzigartig wie er selbst gewesen sein. Eine Hirschkuh sprang über seinen dunkelgrünen Jaguar, den eine gleichnamige Kühlerfigur als Erkennungsmerkmal zierte. Dieser Jaguar schlitze dem armen Stück Rotwild die komplette Unterseite auf, woran es letztendlich verendete. Hugo bedauerte zutiefst das Ableben des Tieres blieb aber, so wie es seine Art war, gelassen und ruhig.

Im Haus neben Dr. Fraikin betrieb der Dentist Franz Regner eine Zahnarztpraxis. Das Wartezimmer war der Vorhof zur Hölle. Der Behandlungsraum war die Hölle. Angst und Schmerzen, dieses hilflos im Stuhl ausgeliefert sein, lösen bis heute traumatische Zustände in mir aus, wenn ein Zahn signalisiert, dass er Hilfe braucht. Der Herzschlag beschleunigt sich, Panik will sich breit machen. Wenn ich irgendeinen medizinischen Fortschritt dankbarst wahrnehme, ist das die heute zumeist schmerzfrei Behandlungsmöglichkeit.

Vor lauter Angst verschwieg ich also meine Zahnschmerzen und stopfte Brötchenteig oder was auch immer in die Löcher, was die Kariesbakterien dankbar annahmen. Mir ist bis heute die Aussage eines Klassenkameraden vom benachbarten Bauernhof absolut unverständlich, der proklamierte, viel lieber zum Zahnarzt als zum Frisör zu gehen. Nun war dieser Frisör auch spezieller Natur, doch dazu vielleicht später mehr.

Mein schmerzender Zahn hatte sich entzündet, er war völlig zerstört und musste entfernt werden. Was auch schon schlimm genug gewesen wäre, wenn denn die Spritze gewirkt hätte. Doch das tat sie nicht. Der Zahnarzt war oft mürrisch, in meiner kindlichen Wahrnehmung war es sein Buckel, seine irgendwie zu lange Nase, sein immer unnatürlich hellbrauner Teint, vor allem aber seine knarzende gequetschte Stimme, die ihn ausmachten und sein Bedrohungspotenzial potenzierten.

Dass ich diesen Akt zwar mit erheblichen psychischen Schäden aber immerhin überlebt habe, ist einzig meiner frühpubertären Bewunderung für seine bildhübsche Stuhlassistenz zu verdanken, die beim Folterakt hinter mir stand und mich festhielt, während der Folterknecht mit seiner knarzenden Stimme immer ungeduldiger und gereizter wurde. Denn wie sollte er mir auch den Zahn sauber entfernen, wenn ich mich auf dem Stuhl wand wie ein Regenwurm am Angelhaken. Irgendwie hatten wir es alle überstanden. Der Übeltäter hing am Haken und ich in den Seilen. Die betörende Schönheit hatte für längere Zeit den Platz des Zahnes eingenommen und beschäftigte mich mit ihrem strahlend blauen Pullover und den vollen goldenen Haaren in meinem Kopf. Bis zu jenem Tag, wo ich das Unvorstellbare erfuhr. Der Tag, an dem die Zerstörung meiner naivsten Illusionen schlagartig einsetzte.

Wie es Heinz Erhard treffend beschrieb, so war es mutmaßlich auch beim Zahnarzt.

„Er hatte Mägd´, er hatte Knechte,

und eine Frau, das war das Schlechte.“

Jedenfalls hatte seine Frau, so wird es bis heute überliefert, Lotto gespielt. Im Laden von Herrn Groß, der klein und rundlich war. Im Gegensatz zu unserem drahtigen hochgewachsenen Nachbarn vom Aussiedlerhof, dem Herrn Klein. Aber das nur nebenbei. Vor lauter Freude über die 6 Richtigen bekam die Gemahlin einen Herzinfarkt, an dem sie verstarb. Wenn es einmal läuft, dann läuft es, wird sich der gute Franz gedacht haben. Erbte den Millionengewinn, baute eine schicke neue Praxis und ……… heiratete „meine“ Stuhlassistenz. Jegliche ihr von mir zugesprochene innere und äußere Schönheit fiel bei dem Gedanken ab von ihr, dass sie sich dem buckeligen Folterknecht nun auch privat zugewandt hatte. Ich sah Bilder, die ich nicht sehen wollte. Es machte mir das Vergessen jedenfalls viel leichter. Es fällt mir bei allem nicht schwer zuzugeben: Franz Regner war kein schlechter Kerl. Vermutlich sogar ein lebensfroher Mensch mit großem Herzen. Das zeigte sich nur, als er zu späterem Zeitpunkt meiner verwitweten Mutter einen Teil seiner Rechnung bar in die Hand drückte. Und es zeigte sich in folgender Episode, die Franz und Hugo gemeinsam spielten.

Ein Arzt aus dem Nachbarort bekam am späten Abend einen Anruf von einem Wirt und Original aus dessen Gaststätte, er müsse sofort kommen, es sei ein schwieriger Fall, zwei Ärzte seien schon vor Ort. Bevor er nachfragen konnte, hatte der listige Büb den Hörer schon aufgelegt. Umgehend setzte sich der Angerufene in sein Auto und betrag zehn Minuten später mit wehenden Fahnen und der Arzttasche in der Hand die Gaststätte. Doch zu seinem großen Erstaunen schienen sich alle Gäste bester Gesundheit zu erfreuen. Ganz besonders Hugo Fraikin und Franz Regner, die den Kollegen freudestrahlend in Empfang nahmen. Da ihnen der dritte Mann zum Skat fehlte, hatten sie den Mann hinter der Theke angestiftet, den Hörer in die Hand zu nehmen und ihm diktiert, was er zu sagen hatte. War der Kollege anfangs noch ziemlich verärgert gewesen, was man ja nachvollziehen kann, dass er schon bald bei Bier und Schnaps und der Hand voll Karten mit am Tisch. Die drei Kollegen reizten, gaben contra und re, mogelten und kloppten bis tief in die Nacht einen ordentlichen Skat. Der Wirt wäre schon längst lieber ins Bett gegangen, doch es galt „mitgefangen – mitgehangen“. Ob die Patienten es am nächsten Tag gemerkt haben?

Die Hausärzte sind eine aussterbende Spezies. Von den Patienten geliebt und gebraucht, von der Gesundheitslobby aufs Abstellgleis geschoben. Warum? Ganz einfach. Die Hausärzte wollen keine Mitarbeiter der Gesundheitslobby, sondern ein fürsorglicher Partner ihrer Patienten sein.

Sie konzentrieren sich auf unsere Heilung. Ihr Motto: „Operationen gilt es zu vermeiden – alternativ Wege sollten gefunden werden.“ Oder: „Für so manche chemische Pille ist in der Natur schon sehr viel früher ein Kraut gewachsen.“

Kein Wunder, dass sich die Gesundheitslobby auf heimlichen und undurchschaubaren Wegen immer wieder etwas Neues einfallen lässt, damit es möglichst immer weniger gute Hausärzte gibt. Wer nämlich z.B. Zwiebelsaft gegen Husten empfiehlt oder seinen Patienten für eine andere Art der Ernährung gegen seine Fettleber erwärmen kann, der schreibt weniger Rezepte für die Pharmaindustrie. Noch dreister wird es, wenn er den Schulterschmerzgeplagten statt zur Halswirbelversteifung in die Spezialisten Klinik, zum Wirbeleinrenken schickt, ihm anschließend ein passendes Sportprogramm als Hausaufgabe mitgibt um Wochen später den jetzt quietsch vergnügten auf dem Feuerwehrfest auf eben jene Schulter zu klopfen. Für die Gesundheitslobby bedeutet das: Die Klinik verdient kein Geld, das Material zum Wirbelversteifen konnte man nicht verkaufen und die lebenslang benötigten Rezepte für die Medikamente danach sind auch futsch.

So ist das Kapitel über Dr. Hugo Fraikin auch eine Hommage an unsere Hausärzte – Ärzte mit Herz und aus Leidenschaft. Ärzte, die mit den Menschen zusammen leben. Ärzte, die die Probleme ihrer Patienten kennen und sie deshalb besser behandeln können. Wenn in Deutschland etwas krank ist, dann ist es unser Gesundheitssystem mit seiner Entpersönlichung und Gewinnorientierung. Und zwar so lange, bis wir Patienten uns wehren. Und jede Universität bräuchte einen Lehrstuhl für Allgemeinmedizin. Für ein Aufhalten der Entwicklungen ist es aber fast schon zu spät. Die Politik erkennt die Probleme nicht oder sie will es so.

Dr. med. Hugo Fraikin, geboren 9.7.1915, starb am 29.1.1973 im Alter von nur 58 Jahren.

Nu wees de ett.

 

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2 Antworten zu “Der Landarzt”

  1. Frank Evert sagt:

    Ja so war es! Und vor der Behandlung drückte der Zahnarzt Regner immer noch seine Zigarette aus!!! Lol !

  2. Gaby Buchbender sagt:

    Hugo Fraikin war meine Hebamme im Winter 1953. Hat er gut gemacht.

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