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Tierische Vergnügen – erster Streich

15.11.2018

In einem Forsthaus aufzuwachsen heißt natürlich auch, mit Haus- und Wildtieren groß zu werden. Die räumlichen Gegebenheiten boten hierfür ideale Voraussetzungen. An das Wohnhaus schloss sich ein früher genutzter Viehstall an, dahinter ein überdachter Bereich, der nach zwei Seiten geöffnet werden konnte. Hier waren Brennholz, Hauklotz und der Hundezwinger untergebracht. Daran im rechten Winkel waren der sogenannte „Sandschuppen“ an den sich der Schuppen mit einem großen hölzernen Schiebetor und einem Dachgeschoss sowie abschließend eine Garage anschlossen. Auf der anderen Seite des Wohnhauses lag ein großer Nutzgarten in dem alles wuchs, was auf den Tisch kam. Kartoffeln, Bohnen, Erdbeeren, Rhabarber, Johannisbeeren, Salat, Radieschen, Petersilie, Schnittlauch und vermutlich noch einiges mehr.

Warum der „Sandschuppen“ diesen Namen hatte, kann ich nicht mehr sagen. Jedenfalls war er DER perfekte Raum für Tage, an denen man den berühmten Hund nicht vor die Türe schickte. Drinnen war ein alter Küchenherd, Tisch, Bank Stühle und eine stets sorgsam verschlossene Tür zum „Giftraum“. In diesem fensterlosen Raum war alles deponiert, was in der Forstwirtschaft zu dieser Zeit gute fachliche Praxis war und keinesfalls in Kinderhände geraten durfte.

Das eigentliche Spannende war jedoch, dass ich natürlich schnell heraus hatte, wo der Schlüssel zum Giftraum versteckt war. Wenn mir der Sinn danach stand und ich mich außerhalb der elterlichen Kontrolle sicher wusste, wurde dieser verbotene Raum genauestens inspiziert. Während ich diese Zeilen schreibe wird der süße Geruch nach Verbotenem in mir wach, der den der Chemikalien und aller möglichen Erzeugnisse der chemischen Industrie überlagerte. Hier roch es nach Gift und Tod und ich habe niemals mehr getan, als die verschiedenen Behältnisse in Augenschein zu nehmen. Glaube ich jedenfalls. Zu unberechenbar erschienen mir die unter Verschluss stehenden Substanzen.

Was mich jedoch eines Tages magisch anzog war ein altes grünes Kinderrad, das mein Vater wohl aus Platzgründen (und natürlich um es meinem Zugriff zu entziehen) im Giftraum an der Wand in Augenhöhe eines Erwachsenen aufgehängt hatte. Mit umher stehenden Eimern baute ich mir flugs eine Aufstiegsmöglichkeit und bekam tatsächlich schnell das Rädchen zu fassen, um es von der Wand zu lupfen. Da ich es nur unten packen konnte (später würde ich in Physik lernen, dass es mit dem Schwerpunkt zu tun hat) bekam ich das Rad zwar aus den Haken gehoben, um direkt im Anschluss daran die Gewalt darüber zu verlieren. Es fiel auf mich und wir beide fielen dann gemeinsam von meinem wackeligen Turmbau auf den Betonboden. Dass das Rad auf mir lag war nicht wirklich schlimm. Übel war, dass der Klingelknopf mir beim Fall eine kleine Fünf in die obere Stirn geschnitzt hatte. Ich brach in Panik aus. Ich hatte nun eine offene Wunde, von deren Zustandekommen niemand etwas wissen durfte, und war der Bedrohung ausgesetzt, dass Gifte aus dem Giftraum, der seinen Namen ja wohl nicht ohne Grund trug, in diese Wunde eindringen könnten. Und damit ja noch nicht genug: Um die Spuren zu verwischen, die mich sofort als Täter entlarvt hätten, musste das Rädchen ja wieder an seinen alten Platz manövriert werden. Irgendwie schaffte ich das dann auch: die Angst verlieh mir wohl ungeahnte Kräfte. Und natürlich drang kein Gift in die Wunde ein, dafür blutete sie zu viel. Ich wischte mit dem Besen noch einmal kurz über den staubigen Boden, um meine kleinen Fußabdrücke und einige Bluttropfen verschwinden zu lassen, löschte das Licht und verschloss die Tür für sehr, sehr lange Zeit. Noch heute zeugt eine mittlerweile kaum noch sichtbare Narbe auf meiner Stirn von diesem Abenteuer. Ein Kainsmal meiner Neugierde.

Trost und Geborgenheit fand ich in solchen Situationen bei Puk, unserem Hund. Das meiste an Puk stammte wohl von der Hunderasse Wachtel, ob alles, kann ich nicht sagen. Diese Hunderasse ist jagdlich sehr gut geeignet, unseren Puk habe ich allerdings nie im jagdlichem Einsatz gesehen. Vielleicht tue ich im Unrecht und es wurde nur nie drüber gesprochen. Ich denke, es war eher ein Familienhund, wobei weder er noch die Familie das so lebten. Er nutzte jedenfalls gerne die Gelegenheit, sich zu verdrücken. Bevorzugt früh morgens machte er sich, fürs Geschäft aus dem Zwinger gelassen, auf und erkundete die benachbarte Waldsiedlung ausgiebig. Vielleicht war er nur neugierig, vielleicht roch es dort verführerisch nach Hundedamen, vielleicht fand er da etwas Fressbares. Wie oft unsere Mutter, die am Tag, an dem ich dieses Kapitel schreibe, übrigens 99 Jahre alt geworden wäre, ihn mit dem Morgenmantel bekleidet (vermutlich fluchend, was sie jedoch vehement bestreiten würde) dort aufsammelte, weil aufmerksame Bewohner uns anriefen, weiß ich nicht.

Was ich weiß: Puk und ich verstanden uns gut. Zwei Stromer hatten sich gefunden. Und Puk wusste mich zu verteidigen. Als meine Brüder Boxhandschuhe und einen Punchingball geschenkt bekamen, um ihre völlig überflüssigen Rangeleien in bessere Bahnen zu kanalisieren, wollte ich natürlich mit boxen. Ich streifte mir ein Paar Handschuhe über, mein ältester Bruder das andere Paar und wirklich nur so aus Spaß tauschten wir ein paar ganz sachte Schläge aus. Puk schätzte die Situation allerdings ganz anders ein. Er sah mich (durchaus nachvollziehbar) in akuter Gefahr und attackierte seinerseits meinen Bruder, der die Beine in die Hand nahm. Puk gab augenblicklich Ruhe, setzte sich neben mich und sein Blick schien zu sagen: na Kleiner, habe ich das nicht gut hinbekommen? Hast Du lieber Puk, hast Du.

Puk war eines sonntags Morgen nicht mehr da. Der Hundezwinger war leer. Tränen flossen in Strömen. Egal, was mein Vater auch erzählte und was ich gerne glauben wollte, weil die Wahrheit so unglaublich war, mein ältester Bruder wusste genau Bescheid. Ich habe lange gezögert, es nieder zu schreiben, doch diese Erfahrung gehört auch zu meinem Leben und sie ist auch wohl nur aus der Zeit damals heraus zu verstehen.

Eine Tollwutepidemie drohte über Deutschland und Europa zu ziehen. Der Fuchs ist der Hauptüberträger der Tollwut, die Mitte des zweiten Weltkriegs in Polen ausgebrochen war. Füchse transportieren die Seuche mit einer jährlichen Geschwindigkeit von 40 Kilometern unaufhaltsam nach Westen. So musste nach Auffassung des Bonner Landwirtschaftsministeriums die Fuchsbevölkerung zwischen Küste und Alpen „verdünnt werden“. Nur auf diese Weise ließe sich nach Meinung der Ministerialbeamten die Seuche bekämpfen, die inzwischen in fast allen Landstrichen Mitteleuropas aufflackerte. „Füchse“, so dekretierten Josef Ertls Beamte in einer „Verordnung zum Schutz gegen die Tollwut“, seien „durch Begasung der Baue zu töten“.

Unser Vater hatte also die dienstliche Anordnung zum Vergasen der Fuchsbauten erhalten und im Giftraum lagerten neben Gasmasken Blausäure- und Phosphorpatronen.

Joachim Graf von Schönburg, Waidmann und als Geschäftsführer des Deutschen Jagdschutzverbands einer meiner Amtsvorgänger, sprach damals in zwei Worten aus, was die meisten seiner Jagdkollegen dachten: „Ein Scheißverfahren.“

Andererseits gibt es bis heute keine Behandlung der Tollwut. Eine Übertragung des Virus erfolgt in der Regel durch Bissverletzungen, bei denen die Viren vom Speichel des befallenen Tieres in die Blutbahn des Opfers gelangen. Infizierte Tiere verlieren ihre natürliche Scheu vor dem Menschen. Große Aggressivität, Beißsucht, Speichelfluss und Lähmungserscheinungen sind weitere Symptome.

Die einzige lebensrettende Maßnahme ist die sofortige Immunisierung nach einem tollwutverdächtigen Tierkontakt. Damals (und in vielen Regionen der Welt auch noch heute) war das eine sehr unangenehme Prozedur, weil die Impfung in die Bauchdecke gegeben wurde und sehr schlecht verträglich war. Weltweit sterben heute täglich (!) 160 Menschen an der Tollwut, die meisten in Asien und Afrika.

Mit diesem Wissen zurück zum verschwundenen Puk. Mein Bruder klagte unseren Vater lautstark an, Puk erschossen zu haben. Ich denke, das stimmt. Und ich denke, dass es für den Familienvater eine sehr schwere Entscheidung in der Abwägung zum Schutz der Familie gewesen sein muss – wie gesagt, der Hund war bei jeder sich bietenden Gelegenheit unbeaufsichtigt unterwegs. Gar nicht wissen möchte ich, von welchen Gefühlen mein Vater dabei begleitet wurde, auch wenn die grausamen Todeserfahrungen des Krieges, über die er so gut wie nie sprach, das Töten des eigenen Hundes anders in das Gefühlsleben eingeordnet haben mögen, als wir es uns heute vorstellen können. Und ich denke, dass ich nicht mehr über die gemeinsame Zeit mit Puk weiß, weil meine Seele das ganze Thema in einer Schublade der Erinnerungen versteckt hat, die sie vor Leid schützt.

Die Angst vor der Tollwut begleitete meine Streifzüge durch Feld und Flur. Den weißen Schaum an den Stängel von Pflanzen hielt ich für schaumigen Speichel, den tollwütige Füchse dort abgestreift hatten. Ich wusste damals nicht, dass der weiße Schaum, auch „Kuckucksspeichel“ genannt, von den Larven der Wiesenschaumzikade stammt. Und ich wusste damals nicht, dass der Schaum entsteht, weil die Larven den beim Saugen aufgenommenen Pflanzensaft wieder als Wasser ausscheiden. Die Oberflächenspannung des Wassers wird durch Proteine aufgelöst und durch das Einblasen von Luft aufgeschäumt. Durch den Schaum sind sie vor Feinden geschützt und haben die für sie richtige Feuchtigkeit und Temperatur, um wachsen zu können. Mal ehrlich: Wer weiß denn so was? Du wees ett nu!

Unbeliebt war der Fuchs natürlich besonders bei den Hühnern im Forsthaus und dem sie beschützenden Hahn. Der Hühnerstall war vom früheren Stall abgetrennt worden und die Hühner gelangten über eine Hühnerleiter durch eine gut schuhkartongroße Luke ins Freie, wo es immer etwas zu picken und zu scharren gab. Die Luke wurde durch ein Brett, quasi wie das Fallbeil einer Guillotine, gesichert. Immer wieder holte sich der Fuchs, ich vermute in der Zeit vor der Vergasungsaktion, ein Huhn von der Wiese. Doch ein Hühnerdieb hatte sich zur Angewohnheit gemacht, im den Hühnerstall einzudringen und sich mehrfach des Hausfriedensbruchs und des Diebstahls schuldig gemacht. Während ich noch mit umfassenden Überlegungen beschäftigt war, wie dem roten Schelm beizukommen sei, hatte er sich selber überlistet. Ein nächtliches Höllenspektakel im Hühnerstall weckte das ganze Haus auf. Unser Vater eilte zum Tatort und fand den Übeltäter, der es irgendwie geschafft hatte, sich selber in der Falltür festzuklemmen. Eine Ungeschicklichkeit, die er zur Freude der Hühner und der Eier verwertenden Hausfrau mit dem Leben bezahlte. Wie sagt ein altes deutsches Sprichwort: Der listige Fuchs wird doch endlich unterm Arm zur Kirche getragen.

Eier waren ein zur der Zeit ein preiswertes und Kraft spendendes Lebensmittel. Ich erinnere mich mit leichtem Grausen an einen vertrauten Waldarbeiter, der übrigens im biblischen Alter erst kürzlich verstarb, dessen bevorzugter „Snack“, wie man heute sagen würde, ein frisches Ei war, am liebsten noch dem Huhn unterm Hintern weggezogen. Er pikste mit unserem Dosenöffner aus Holz mit dem Aufdruck „Glücksklee“ oben und unten Löcher in das Ei, um es dann genüsslich auszuschlürfen. Brrrrrrrrrr! Auch heute noch.

Früher war ein in Rotwein gequirltes rohes Ei das Stärkungsmittel gerade für Frauen. Dies auch, weil rote Trauben blutbildend wirken. In den Beeren enthaltene Mineralien wie Calcium, Kalium, Phosphor und Eisen sind Nahrung für Nerven, Hirn, Zähne und Knochen. Unsere Mutter habe ich es oft trinken sehen. Es schmeckt übrigens recht ordentlich. Wenn man nicht mit dem Wein spart.

Einmal haben wir den Fuchs zu Unrecht zum Täter gemacht und ihm ein totes Huhn unterschieben müssen. Mein Bruder Gerd hatte einen wunderbaren Flitzebogen aus Fiberglas geschenkt bekommen, der sich heute in meinem Besitz befindet und den ich gut vor Jakob verstecke. Warum, wird direkt klar. Der Bogen ist fast mannshoch. Dazu gibt es robuste Pfeile mit einer Metallspitze. Wie könnte man den neuen Bogen besser ausprobieren als mit dem Erschrecken der freilaufenden Hühner? Natürlich wollte mein Bruder das Huhn niemals treffen. Es hatte aber auch niemand die Absicht, eine Mauer zu errichten. Nein, ich bleibe dabei, das Huhn war nicht Ziel, sondern gab die grobe Richtung vor. Der Pfeil wurde sorgfältig in die Sehne gelegt, der Bogen gespannt, sorgfältig neben das Huhn gezielt und dann schoss der Pfeil fast 30 Meter in leichtem Bogen über die Wiese. Und traf das Huhn mit voller Breitseite. Tot. Kein Laut mehr. Kein Flattern. Exitus. Vorbei. Nicht noch schnell ein Ei gelegt, bevor der Tod herbei kam. Wir sahen uns fassungslos an. Dann schauten wir wieder auf das Huhn. Und natürlich mussten wir auch Lachen wir die Verrückten.

Hatte uns einer beobachtet? Immerhin gewährte das große Küchenfenster freien Blick auf den Tatort. Doch niemand schien etwas gesehen zu haben. Der Tod kam in alter Indianertradition lautlos. Was für eine Geschichte! Schnell zum Huhn gerannt, die Augen immer wachsam auf die Umgebung gerichtet. Das Huhn gesichert. Spaten geholt und das Huhn außerhalb des Blickfeldes am Waldrand verscharrt. Wie der Eifeler sagen würde: Datt wor dobbel Dress. Das gesunde unglücklich um sein Leben gebrachte Huhn nicht dem Kochtopf zuzuführen war in diesen Zeiten mit dem hohen Anteil an Selbstversorgung schon ziemlich übel. Aber keiner von uns beiden hatte auch nur das geringste Interesse daran, sich wegen ein paar Tellern Hühnersuppe den Hintern vollkloppen zu lassen. Der Fuchs stand eh unter Generalverdacht und so wurde beim abendlichen Abzählen der verbliebenen Hühner, die zum Glück der deutschen Sprache nicht mächtig waren, ein abgängiges Huhn registriert und festgestellt, dass die Füchse immer dreister würden. Verstohlen grinsten wir uns aus übers Essen gesenkten Köpfen an. Im Bett sangen wir dann „Fuchs, Du hast das Huhn gestohlen“ und die Tränen rollten uns vor Lachen über die lausbubigen Backen. Nu wees de ett!

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