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Am Weihnachtsbaum die Lichter brennen

13.12.2018

Doch bis die Lichter wirklich brennen, ist es oftmals ein langer Weg. Als Försterkinder war es für uns viele Jahre lang absolut tabu, einen Weihnachtsbaum zu kaufen. Obwohl das in der Retrospektive der einfachere Weg gewesen wäre. Aber wer will schon den einfachen Weg gehen, wenn andere Wege ein deutliches Mehr an Unterhaltung versprechen. Doch der Reihe nach.

Schnee war in unserer Kindheit eine Selbstverständlichkeit. Manchmal so viel, dass Schneefräsen die Straßen frei machen mussten, weil der Pflug schon lange nicht mehr durchkam. Schnee schluckt den Lärm der Welt, die vor 50 Jahren lange nicht so laut war. Physikalisch ist es schnell erklärt: Wenn es viel schneit, bilden die Flocken einen dichten Schneevorhang. Der Schall wird an den Schneeflocken vielfach gebrochen. Umgebungsgeräusche werden so gedämpft.

Was passiert aber mit unserer Seele, wenn die Welt stiller wird? Stille hat entspannende Wirkung. Wir sprechen von feierlicher, friedlicher oder sonntäglicher Stille. Der Psychologe Felix Aeschbacher sieht eine heilende Kraft der Stille. Er schreibt, wie die Stille in der heutigen hektischen Zeit kaum mehr einen Platz in unserem Leben einnimmt bzw. von einigen Menschen gar nicht mehr ausgehalten werden kann. Es sei jedoch notwendig, die Stille aufzusuchen, um so zum eigenen Selbst finden zu können.

Ich habe die Stille, in die der frische Schnee die Welt Hülle, immer genossen. Bei Mond im frischen Schnee zu pirschen, wo ich schon den eigenen Atem als viel zu laut empfunden habe, das waren schon Sternstunden in meinem Leben.

Eine ganz besondere Sternstunde hatte ich jedoch als Kind gemeinsam mit meiner Oma. Wenn man von der Gaststätte aus dem Fenster blickte und die schneedeckten Straßen und Dächer sah, krönte er den Blick: Ein einfacher Weihnachtsbaum neben der Kriegsgräberstätte. Eine Fichte, deren schlichter Schmuck gelbe Glühbirnen waren. Dieser einfache Baum ist für mich bis heute der Inbegriff des Weihnachtsbaums. Meine Oma führte mich ans Schlafzimmerfenster und ließ mich einfach in die winterliche Welt schauen, die auf mich faszinierend wirkte. Dabei legte sie ihre Hände auf meine Schultern, eine jener seltenen zärtlichen Berührungen. Was mag in dieser Frau, die zwei Weltkriege durchgemacht hatte und immer wieder neu angefangen hatte, in diesem Augenblick vorgegangen sein? In meiner Erinnerung ist eine große Wärme und Liebe, die ich gespürt habe.

Ich dankte es ihr dann später auf meine Weise. Oma lag am zweiten Weihnachtstag auf dem Sofa im Wohnzimmer und machte ein kleines Nickerchen in Erwartung der nachmittäglichen Plätzchen. Der reichlich mit bunten Kugeln und Lametta behangene Weihnachtsbaum stand – wie in jedem Jahr – am Fußende des Sofas auf einem kleinen Tisch in einem damals üblichen und viel zu leichten gusseisernen Halter. Anders kann es nicht gewesen sein. Denn als ich mich leise um den Sofatisch herum bewegen wollte, war es mir ein unglaublich Leichtes, den Weihnachtsbaum ein wenig in Schwingung zu versetzen, was dazu ausreichte, dass er seinen Stand verlor und Oma vollständig unter sich begrub. Die herbeieilende Verwandtschaft hätte sicher noch viel mehr gelacht, wenn sich in dieses groteske Szenario nicht die Sorge um das Wohlergehen der alten Dame gemischt hätte. Zum Glück war ihr nichts geschehen. Der Weihnachtsbaum war schnell wieder aufgestellt und Oma von Lametta befreit. Sind es nicht gerade diese Geschichten, die uns in Erinnerung bleiben und nicht jene 60 Weihnachtsfeste, an denen der Baum einfach stehen blieb?

Aber eigentlich wollte ich ja von den Geschichten VOR dem geschmückten Baum erzählen. Der Reihe nach. Natürlich wurden im Hof des Forsthauses zu Gunsten der Gemeindekasse Weihnachtsbäume verkauft. Mein Bruder Gerd (er ist im Folgenden immer gemeint) übernahm gerne den Transport der Bäume in die Häuser der benachbarten Waldsiedlung, wenn deren Bewohner entweder körperlich oder willentlich dazu nicht in der Lage waren. Das brachte natürlich ein gutes Trinkgeld ein, denn so kurz vor Weihnachten waren Portemonnaies und Herzen weit geöffnet. In die Bredouille kam er allerdings, als sein dort lebender Lehrer seine Hilfsbereitschaft in Anspruch nahm. Dieser war ein Mann der (Lebens)Künste, wovon ein riesiges Zimmer mit Wandregalen voller Bücher und ein Flügel in der Mitte des Raumes ebenso zeugten wie seine stattliche Kinderzahl. Wir sahen also durchaus die Gefahr, dass dieser Mann sich beim Transport des Weihnachtsbaums die Finger brechen würde. Selbstverständlich wollte er diesen Dienst auch mit einem kleinen Obolus anerkennen, allerdings nicht ohne meinen Bruder vorher mit pädagogisch höchst zweifelhaftem Vorgehen dazu befragt zu haben. Denn er erzählte unseren Eltern später mit einem breiten Grinsen, dass mein Bruder ihm mit den Worten „ist aber nicht nötig, dass sie mir etwas dafür geben“ die ausgestreckte Hand entgegengehalten hatte. Recht hat mein Bruder gehandelt. Denn was nutzt die gute Kinderstube, wenn die Hand leer bleibt!

Wir wohnten (nach dem Tod des Vaters) mittlerweile nicht mehr im Forsthaus, doch der Wunsch nach einem besonderen und natürlich besonders preiswertem Weihnachtsbaum hatte Bestand. In diesem Jahr sollte es eine Weymouthskiefer sein. Das Problem bei dieser sehr aparten Spezies ist es, dass der Baum sehr offen ist, weil die Astkränze weite Abstände einhalten. Dies merkten wir schnell, als wir uns einen Tag vor Heiligabend am Lönsfelsen auf die Suche begaben. Nach einer Ewigkeit entschieden wir uns ob der nahenden Dämmerung dafür, eine Spitze zu kappen, wohl um den waldbaulichen Frevel wissend. Im Schutz der aufkommenden Dunkelheit nahmen wir eine Abkürzung und zogen den Baum über eine bereits weiß gefrorene Wiese zum Auto. Da stand er nun unter der Pergola unseres neuen Heims und wartete darauf, ins Warme zu kommen und geschmückt zu werden. Stolz präsentierten wir unserer Mutter die Schönheit mit ihren langen, nicht piekenden Nadeln. Der Coup war gelungen. Doch als am Morgen des Heiligen Abends die Temperaturen anstiegen gab der Baum Düfte ab, die gar nicht an Harz erinnerten. Kurzum: Der Baum stank zum Himmel! Schnell war die Lösung gefunden. Wir hatten bei unserem Streifzug wegen des Frostes nicht bemerkt, dass die Wiese, über die wir unsere Beute gezogen hatten, frisch gepuddelt war – so hieß bei uns das Ausbringen der Gülle. Lord Weymouth, der Namensgeber der botanisch genannten Pinus strobus, hätte sich im Grab herumgedreht.

Was tun? Nun, es wäre immer noch Zeit gewesen, irgendwo in der Nähe einen „normalen“ Weihnachtsbaum käuflich zu erwerben. Dies verstieß selbstverständlich gegen unseren Ehrenkodex. Also den Puddel-Baum aufs Autodach verfrachtet und zurück gebracht. Viel schneller als beim ersten Mal, ein paar Stunden später war ja auch schon Bescherung, räuberten wir eine ansehnliche Kiefer und packten sie, zwar mit schlechtem Gewissen aber ohne die Wiese auch nur einen mm zu betreten, ins Auto. Als wir Stunden später im Festtagsgewand unter einer herrlich geschmückten Kiefer saßen bekam das Lied „Oh Tannenbaum“ eine ganz neue Bedeutung für meinen Bruder und mich. Besonders die Zeilen

„O Tannenbaum, o Tannenbaum,
du kannst mir sehr gefallen!
Wie oft hat nicht zur Weihnachtszeit
ein Baum von dir mich hoch erfreut!“

bewegten uns tief. Wir grinsten uns an und tranken am Abend noch oftmals auf das Wohl des edlen Baumes.

Im darauf folgenden Jahr sollte es besser laufen. Unsere Mutter hatte einen Baum vororganisiert, um Heiligabend, befreit von der nervenzehrenden Weihnachtsbaumbesorgung, wesentlich stressfreier vorbereiten zu können. Ein früherer Waldarbeiter (der, der die Hühnereier ausschlürfte) hatte einen Baum geschlagen, der nur noch in Lammersdorf in der Bahnhofstraße abzuholen war. Von Simmerath knapp 5 Kilometer entfernt. Der Deal sollte also in einem halben Stündchen erledigt sein. Sollte. An sich fing es schon damit an, dass wir gemeinsam nach Lammersdorf fuhren. Im Strafrecht würde man hier sogar von einem sogenannten Dolus directus sprechen, dem unbedingten Vorsatz.

Natürlich war die Wiedersehensfreude mit dem Waldarbeiter groß. Natürlich wurden wir ins Haus gebeten. Natürlich bekamen wir etwas zu trinken angeboten. Und natürlich sagten wir nicht nein. Weder beim ersten Mal, noch beim zweiten noch bei allen folgenden Malen. Es wurde ein freudvoller harmonischer Nachmittag. Auf dem Sofa unter dem röhrenden Hirsch sangen wir Lieder über Wald und Heide und vergaßen nicht, unsere Stimmen mit Enzian und Bier bei Laune zu halten. Geschichten und Anekdoten wurden erzählt und wir vergaßen nicht nur die Zeit, sondern auch den Zweck unseres Besuches. Und wir bekamen sogar noch Verstärkung. Ein junger Mann, wohnhaft in Belgien direkt hinter der Grenze, kam ebenfalls, um einen Baum abzuholen. Auf dem Sofa war ja noch Platz. Und natürlich sagte er auch nicht nein. Ich habe ihn vom Typ her wie den jungen Marius Müller-Westernhagen bei „Theo gegen den Rest der Welt“ in Erinnerung. Jedenfalls stand er auf, um im Auto Zigaretten zu holen und prägte dabei in diesem typischen Aachener Singsang den melodiösen Satz, den wir bis heute nicht vergessen haben: „Ich bin im Wagen, wa, mich die Fleppen holen!“ Was für ein Kleinod deutscher Sprache.

Irgendwann, es war schon lange dunkel, gingen Liedtexte und Enzian aus und es war an der Zeit, aufzubrechen. Was gar nicht so einfach war. (Anmerkung: Fahren unter Alkoholeinfluss war natürlich auch damals schon Kappes, aber auf dem Land durchaus üblich.)

Der belgische Freund packte sich beschwingt seinen Baum in den Kofferraum, steckte einige Bonbons in den Mund und entschwand Richtung Grenze. Mein Bruder hatte beschlossen, dem Fest der Liebe seinen Sinn zu geben und war ohne Baum aber voller guter Vorsätze in Richtung Köln, also gerade mal nicht Richtung Simmerath, entschwunden. Und ich? Ich trank noch ein, zwei Bierchen, während meine Heimfahrt organisiert wurde. Der Sohn des Hauses, mein Klassenkamerad aus Grundschulzeiten, der so manches Mal seine Hausaufgaben nicht gemacht hatte und immer die gleiche Erklärung vorbrachte („Datt hann ich verjesse!“) und der genauso wie sein Vater Josef hieß und Jupp genannt wurde, war so nett, mich nach Hause zu fahren. Als wir in Simmerath bei „Heeren“, meiner Stammkneipe, vorbeikamen, bat ich ihn natürlich. mich hier heraus zu lassen, damit der schöne Nachmittag nicht so abrupt enden würde. Doch er fuhr einfach weiter und setzte mich zu Hause ab. Warum? Weil unsere Mutter bereits in Lammersdorf angerufen hatten und die Order ausgegeben hatte, mich keinesfalls bei Heeren abzusetzen. Wie gut kennen Mütter doch ihre Kinder.

Was hatte die ganze Aktion nun gebracht? Jedenfalls keinen Weihnachtsbaum, noch nicht mal einen bepuddelten. Einen (liebe)vollen Bruder. Einen müden jüngsten Sohn, der heute noch der Meinung ist, es wäre doch wesentlich gescheiter gewesen, bei Heerens Karl noch ein paar Bier zu trinken. Und einen Belgier, der, wie sich später herausstellte, auch ohne Baum sein Heim erreichte, weil in den damals üblichen Zollkontrollen seine Fahne aufgefallen war und er sich wohl mit dem Weihnachtsbaum „freigekauft“ hatte.

Mein Bruder holte dann am nächsten Tag auf der Rückfahrt von Köln den Baum in Lammersdorf ab und wir feierten, wie in jedem Jahr, im Kreis der Familie unterm festlich geschmückten Baum Weihnachten. Und wie jedes Jahr gab es wieder viel zu erzählen. Der Christbaum ist doch der schönste Baum. Nu wees de ett!

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